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Das Stück

Große Wirkungen haben bisweilen kleine Ursachen. So ist es auch in diesem Theaterstück. Was ist der Auslöser für den Rechtsstreit um des Esels Schatten und die Geschehnisse danach? Der in Abdera lebende Zahnarzt Struthion muss eines Tages ins Nachbardorf reisen. Zu diesem Zweck mietet er sich vom Eseltreiber Anthrax einen Esel. Da es an dem Reisetag sehr heiß ist, steigt er während einer Rast vom Esel ab und setzt sich in dessen Schatten. Der Eseltreiber ist der Ansicht, dass ihm für die Nutzung des Schattens seines Esels ein zusätzliches Entgelt zusteht. Da der Zahnarzt ganz und gar nicht dieser Auffassung ist, wird die Reise vorzeitig beendet, und man kehrt zurück nach Abdera vor den Stadtrichter Philippides. Mehr soll hier nicht verraten werden.

Aus diesem scheinbar nichtigen Konflikt schuf der schweizerische Dramatiker Friedrich Dürrenmatt ein Hörspiel, das am 05.04.1951 von Radio Bern urgesendet wurde (in einer Produktion des Schweizer Radios DRS aus dem Jahre 1974 wirkte Dürrenmatt übrigens auch selbst mit: er sprach den Esel). Die genaue Werkbezeichnung lautet Ein Hörspiel (nach Wieland – aber nicht sehr). Bereits im Jahre 1774 hatte Christoph Martin Wieland im 2. Teil seines Romans Geschichte der Abderiten den Prozess um des Esels Schatten in der imaginären thrazischen Stadtrepublik Abdera dargestellt. Wieland, der zu der Zeit als Erzieher des Erbprinzen Ernst August am Hof von Herzogin Anna Amalia in Weimar weilte, wollte mit seinem Werk gegen die Enge, Anmaßung und Beschränktheit der deutschen Spießbürger zu Felde ziehen und seinen Zeitgenossen einen Spiegel vorhalten, „worin die neuern ihr Antlitz beschauen, und, wenn sie nur ehrlich gegen sich selber sein wollen, genau entdecken können, inwiefern sie ihren Vorfahren ähnlich sind", wie Wieland 1781 schrieb.

Bereits kurz nach dem Erscheinen des Romans über die Abderiten begannen andere Schriftsteller, den Prozess um des Esels Schatten auf die Bühne zu bringen, und beriefen sich dabei ausdrücklich auf das Wielandsche Werk. Um nur einige davon zu nennen: Schon im Jahre 1810 verfasste August von Kotzebue ein Theaterstück mit dem Titel Des Esels Schatten oder Der Proceß in Krähwinkel. Eine Posse; aus Wielands Abderiten entlehnt.... 1921 erschien das Lustspiel Des Esels Schatten (mit freier Anlehnung an Wielands Abderiten) von Ludwig Fulda, und 1945 folgte die Komödie Der Prozess um des Esels Schatten, frei nach Wielands "Abderiten" von Sammy Gronemann. Richard Strauss schließlich widmete seine letzte kleine Oper 1948 als Komödie für Musik ebenfalls jenem leidigen Rechtsstreit.

Bühnenfassungen des Dürrenmattschen Hörspiels werden bis heute auch außerhalb des deutschen Sprachraumes gespielt, so etwa im Februar 2003 von der deutschsprachigen Theatergruppe der Universität Edinburgh. Ist dies ein Hinweis darauf, dass dem Stück eine zeitlose Thematik zu Grunde liegt? Darüber möge sich der geneigte Zuschauer selbst ein Urteil bilden.

Carsten Rinio
Quelle des Esel-Bilds: http://www-lu.hive.no/plansjer/pattedyr/

Der Autor: Friedrich Dürrenmatt (05.01.1921 – 14.12.1990)

Die Kritik zählte Friedrich Dürrenmatt schon zu Lebzeiten zu den Klassikern der Moderne. Oft in einem Atemzug mit seinem Landsmann und Schriftstellerkollegen Max Frisch genannt, stützt sich Dürrenmatts Ruhm weniger auf seine erzählerischen Werke, die meist im Justiz- oder Kriminalmilieu spielen, als auf sein dramatisches Schaffen, das nahezu 30 Stücke umfasst und von zahlreichen theatertheoretischen Schriften begleitet ist. Mit provokanten und bühnenwirksamen Komödien - als seine Vorbilder nannte er u. a. Aristophanes, Nestroy und Pirandello - feierte Dürrenmatt vor allem in den fünfziger und sechziger Jahren Theatertriumphe. Der Sohn eines protestantischen Pfarrers gab seinen Plan, Maler zu werden, schon während des Studiums der Germanistik, Philosophie und Naturwissenschaften (1941-45) zu Gunsten des Schreibens auf, wobei er zunächst mit Auftragsarbeiten sein Geld verdiente. Sein erstes, nie aufgeführtes Stück Komödie, 1943 entstanden, ließ noch Einflüsse des Expressionismus erkennen. Dürrenmatts kritisch-engagiertes Interesse für gesellschafts- und tagespolitische Fragen, das bis ins Alter wach blieb, ist bereits durch Texte belegt, die er in dieser Zeit für das Kabarett schrieb. Dürrenmatts erstes auf der Bühne gezeigtes Stück Es steht geschrieben (Uraufführung 1947, revidierte Fassung unter dem Titel Die Wiedertäufer,1967), in dem es um die Schreckensherrschaft der Täufersekte im westfälischen Münster Anfang des 16. Jahrhunderts geht, sorgte wegen angeblicher „Unzüchtigkeit“ in Zürich für einen kleinen Theaterskandal. Seine produktivsten und erfolgreichsten Jahre als Dramatiker erlebte Dürrenmatt zwischen 1952 und 1962, als seine Hauptwerke Die Ehe des Herrn Mississippi, Der Besuch der alten Dame und Die Physiker entstanden, die auch außerhalb des deutschsprachigen Raums große Beachtung fanden. Danach wandte sich Dürrenmatt mehr der Theaterpraxis zu. Er war 1967-69 Direktionsmitglied und Regisseur am Basler Stadttheater und 1970-72 Berater des Zürcher Schauspielhauses. In dieser Zeit verfasste er Bearbeitungen klassischer Dramen – von Shakespeare über Lessing und Büchner bis Strindberg -, die er teils selbst inszenierte. Dürrenmatts eigene in den siebziger Jahren entstandene Stücke stießen vielfach auf Ablehnung, worauf der Autor mit heftigen Angriffen auf den Kulturbetrieb reagierte, bis er sich nach dem Misserfolg von Achterloo (Uraufführung 1983, Neufassung 1988) von der Theaterarbeit zurückzog.

Trotz der Verwendung mythologischer und historischer Stoffe weisen Dürrenmatts Dramen deutlichen Zeitbezug auf. In modellhaft zugespitzten, die Wirklichkeit ins Groteske verfremdenden Stücken nimmt der Autor die politische Restauration, die Wirtschaftswundermentalität der Nachkriegszeit und die Gefahren des atomaren Wettrüstens im Zeichen des Kalten Krieges aufs Korn. Er lässt dabei keinen Zweifel daran, dass er diesen katastrophalen Weltzustand für veränderungsbedürftig hält, auch wenn sein Geschichtspessimismus ihn – anders als etwa Brecht oder Frisch – an der Veränderbarkeit der Welt zweifeln lässt. So steht im Mittelpunkt von Dürrenmatts Stücken häufig der „mutige Mensch“ oder „ironische Held“, der sich dem herrschenden Spiel verweigert, damit aber zum Scheitern verurteilt ist. Dabei bedient sich Dürrenmatt konsequent der Mittel der Komödie, denn er hält sie für die einzige dramatische Form, die der Situation der Zeit angemessen ist: Einer Gesellschaft, in der die Machtverhältnisse undurchschaubar sind, das Individuum machtlos und ein allgemeiner Wertekanon nicht mehr gegeben ist, kann man seiner Ansicht nach mit den Mitteln der Tragödie nicht beikommen. In der Komödie kann der Dramatiker – so Dürrenmatt – dagegen den Zufall ganz bewusst so einsetzen, dass die Handlung ihre „schlimmst-mögliche“ Wendung nimmt. Aus diesen frappierenden Volten im Handlungsverlauf, diesen kalkulierten Abweichungen von der Wahrscheinlichkeit beziehen Dürrenmatts Stücke einen Großteil ihrer Wirkung. Hinzu kommen knappe, stilisierte Dialoge, ätzender Sprachwitz, kabarettistische Pointen, satirische Überzeichnungen und karikierende Typisierungen.

Während Dürrenmatts Erfolg auf den Bühnen West- und Osteuropas wie auch in den USA bis in die Gegenwart anhält, schien das Publikum im deutschsprachigen Raum seit Ende der sechziger Jahre die Lust an intellektueller Provokation à la Dürrenmatt ein wenig verloren zu haben, zumal der Bezug der dramatischen Modelle zur veränderten gesellschaftlichen Wirklichkeit nicht mehr so leicht herzustellen war. Seit Mitte der achtziger Jahre ist überraschenderweise eine Gegenbewegung zu verzeichnen. In der Saison 1983/84 waren Die Physiker das meistgespielte Stück an deutschsprachigen Theatern. Die bedeutendsten Werke dieses größten Schweizer Dramatikers haben in den Lehrplänen der Schulen ihren festen Platz gefunden und gehören mittlerweile zum deutschsprachigen Bestand der Weltliteratur.

Quellen
Text: Brigitte  Beier in: Harenberg Schauspielführer (1997), S. 236-237
Bild: Friedrich Dürrenmatt bei der Verleihung des Ernst-Robert-Curtius-Preises für Essayistik 1989 in Bonn © Elke Wetzig (wikipedia.org)

Friedrich Dürrenmatt und das Hörspiel

Friedrich Dürrenmatt war kein Theoretiker des Hörspiels. Aber er war einer der produktivsten und erfolgreichsten Hörspielautoren der fünfziger Jahre. Sieben seiner acht Originalhörspiele wurden zwischen 1951 (Der Prozeß um des Esels Schatten) und 1957 (Abendstunde im Spätherbst) urgesendet. Er erhielt zwei der wichtigsten Hörspielpreise: für Die Panne (in der Produktion des NDR) den Hörspielpreis der Kriegsblinden 1956 und für Abendstunde im Spätherbst (in der Produktion des ORF) den Prix Italia 1958.

Alle Hörspiele Dürrenmatts wurden vom Nordwestdeutschen Rundfunk / Norddeutschen Rundfunk und vom Bayerischen Rundfunk produziert. Neben Die Panne wurden beim Bayerischen Rundfunk das Nächtliche Gespräch (1952) und Das Unternehmen der Wega (1954) inszeniert; Der Prozeß um des Esels Schatten in der Fassung des Bayerischen Rundfunks (1952) existiert leider nicht mehr. Mit der Abendstunde im Spätherbst beendete Dürrenmatt seine Auseinandersetzung mit dem Hörspiel und widmete sich fortan der Prosa und der Dramatik. Weiterhin gab es von einigen seiner Theaterstücke auch Hörspielversionen, z.B. von Der Besuch der alten Dame oder von Der Mitmacher. Seine Themen und Stoffe bearbeitete Dürrenmatt für die verschiedensten Medien: Die Panne zum Beispiel gibt es als Erzählung, als Hörspiel, als Fernsehspiel und als Bühnenfassung.

Sicher ging es Dürrenmatt nicht darum, die formalen Grenzen des Hörspiels zu erkunden und zu erweitern. Aber er spielte ironisch mit Hörererwartungen und experimentierte in seinen Hörspielen mit dramaturgischen Modellen, immer wieder mit Krimi-Elementen, immer wieder mit Verhör- und Prozesssituationen.

Quelle: Mira Alexandra Schnoor: Hörspielmacher. 17 Porträts (1999)

Es spricht für das Künstlertum Dürrenmatts, dass er, wie schon die Kriminalromane, auch diese Brotarbeiten - das Verfassen von Hörspielen - nicht leichtnahm, nicht nebenbei erledigte, sondern mit vollem Einsatz arbeitete, und auch später noch beklagte er sich, dass seine Hörspiele zuwenig beachtet würden, sie stünden im Schatten seiner Komödien und Krimis. Viele seiner kleineren Arbeiten seien wichtiger als seine Romane und Erfolgsstücke.

Der Prozess um des Esels Schatten war 1950 geschrieben und am 5. April 1951 von Studio Bern gesendet worden. Ein Hörspiel (nach Wieland – aber nicht sehr) lautete der Untertitel. (…) Man könnte sich dieses Funkspiel, das beim Lesen und Hören ungemein bildhaft wirkt, das die optische Phantasie anreizt, auch auf der Bühne vorstellen, nicht in einer Bühnenfassung, sondern ohne Abstriche und Zutaten, so wie es geschrieben ist, als eine kaleidoskopartige Weltschau; ein Bild geht ins andere über, mit einer sich ständig steigernden Handlung, die sich von Szene zu Szene ins Gigantische, Groteske, Apokalyptische türmt, bis die Welt zusammenbricht und die Menschheit unter sich begräbt. (…)

Die neun Hörspiele sind ein gewichtiger, oft übersehener Komplex in Dürrenmatts Schaffen. Zusammengefasst, ergeben sie einen eigenen Kosmos: die menschliche Existenz von den verschiedensten Seiten durchleuchtet. Dass die Texte des Geldes wegen geschrieben wurden, steigert die Bewunderung für ihre Kompromisslosigkeit.

Quelle: Heinrich Goertz: Friedrich Dürrenmatt (9. Auflage 2000)

Abdera gab es wirklich!

Die thrakische Küstenstadt Abdera wurde ca. 650 v. Chr. von dem griechischen Stamm der Ionier gegründet – wobei auch Herakles als mythischer Gründer angegeben wird. Im Laufe ihrer wechselvollen Geschichte wurde die Stadt mehrmals zerstört (zum Beispiel 543 v. Chr. von den Thrakern) und mehrmals wieder aufgebaut. Trotz ihrer mehrfachen Zerstörung war Abdera eine blühende Handelsstadt mit eigener Münzprägung. Von 515 bis 498 v. Chr. stand die Stadt unter persischer Vorherrschaft. Nach der Niederlage der Perser in den Perserkriegen schloss sie sich dem Attischen Seebund an (478-411). Von 352 bis 198 v. Chr. war Abdera in der Hand der Makedonen. Obwohl Abdera die Heimatstadt der berühmten griechischen Philosophen Demokrit und Protagoras war, hatten die Bewohner der Stadt einen ähnlichen Ruf wie in Ägypten die Südägypter oder in Deutschland die Ostfriesen. Wer als Abderit bezeichnet wurde, galt in der Antike als dummer Mensch. Wodurch es zu diesem Urteil kam, ist unbekannt, vielleicht, weil es gerade die größeren Geister Abderas aus ihrer Heimatstadt fortzog.

diverse Quellen
Abdera bei Wikipedia

Prozesse müssen sein!

Demokrit von Abdera

"Ja, ja, Prozesse müssen sein!
Gesetzt, sie wären nicht auf Erden,
Wie könnt’ alsdann das Mein und Dein
Bestimmet und entschieden werden?
Das Streiten lehrt uns die Natur;
Drum, Bruder, recht’ und streite nur.
Du siehst, man will dich übertäuben;
Doch gib nicht nach, setz’ alles auf
Und laß dem Handel seinen Lauf;
Denn Recht muß doch Recht bleiben."

Quellen
Text: Christian Fürchtegott Gellert (1715-1769): Der Prozeß
Bild: http://wwwalt.phil-fak.uni-duesseldorf.de/

 

Abdera ist überall

Die gute Stadt Abdera in Thracien, ehemals eine große, volkreiche, blühende Handelsstadt, das Thracische Athen, die Vaterstadt eines Protagoras und Demokritus, das Paradies der Narren und der Frösche, diese gute schöne Stadt Abdera – ist nicht mehr. Vergebens suchen wir sie in den Landkarten und Beschreibungen des heutigen Thraciens; sogar der Ort, wo sie ehemals gestanden, ist unbekannt, oder kann wenigstens nur durch Mutmaßungen angegeben werden.

Aber nicht so die Abderiten! Diese leben und weben noch immer fort, wiewohl ihr ursprünglicher Wohnsitz längst von der Erde verschwunden ist: Sie sind ein unzerstörbares, unsterbliches Völkchen; ohne irgendwo einen festen Sitz zu haben, findet man sie allenthalben; und wiewohl sie unter allen anderen Völkern zerstreut leben, haben sie sich doch bis auf diesen Tag rein und unvermischt gehalten, und bleiben ihrer alten Art und Weise so getreu, dass man einen Abderiten, wo man ihn auch antrifft, nur einen Augenblick zu sehen und zu hören braucht, um eben so gewiss zu sehen und zu hören dass er ein Abderit ist (…).

Das Sonderbarste aber, und ein Umstand, worin sie sich von den Israeliten, Beduinen, Armeniern und allen anderen unvermischten Völkern wesentlich unterscheiden, ist dieses: dass sie sich ohne mindeste Gefahr ihrer Abderitheit mit allen übrigen Erdbewohnern vermischen, und, wiewohl sie allenthalben die Sprache des Landes, wo sie wohnen, reden, Staatsverfassung, Religion und Gebräuche mit den Nichtabderiten gemein haben, auch essen und trinken, handeln und wandeln, sich kleiden und putzen, sich frisieren und parfümieren, purgieren und klystieren lassen, kurz, alles, was zur Notdurft des menschlichen Lebens gehört ungefähr eben so machen – wie andre Leute; dass sie, sage ich, nichts desto weniger in allem, was sie zu Abderiten macht, sich selbst so unveränderlich gleich bleiben, als ob sie von jeher durch eine diamantne Mauer, dreimal so hoch und dick als die Mauern von Babylon, von den vernünftigen Geschöpfen auf unserm Planeten abgesondert gewesen wären. (…) An den Abderiten, wohin sie auch verpflanzt wurden und so viel sie sich auch mit andern Völkern vermischt haben, hat man nie die geringste wesentliche Veränderung wahrnehmen können. Sie sind allenthalben immer noch die nämlichen Narren, die sie vor zweitausend Jahren zu Abdera waren: und wiewohl man schon längst nicht mehr sagen kann, siehe hier ist Abdera oder da ist Abdera; so ist doch in Europa, Asia, Afrika und Amerika, so weit diese großen Erdviertel policiert sind, keine Stadt, kein Marktflecken, Dorf noch Dörfchen, wo nicht einige Glieder dieser unsichtbaren Genossenschaft anzutreffen sein sollten.

Quelle: Christoph Martin Wieland: Der Schlüssel zur Abderitengeschichte (1781)

Vom nichtigen Konflikt zur Staatsaffäre

Der Prozess über des Esels Schatten, der anfangs die Abderiten bloß durch seine Ungereimtheit belustigt hatte, fing nun an eine Sache zu werden, in welche die Gerechtsamen, die vermeinte Ehre, und allerlei Leidenschaften und Interessen verschiedner zum Teil ansehnlicher Glieder der Republik verwickelt wurden. (…)

Wir müssen es zur Steuer der Wahrheit sagen, anfangs gab es verschiedene Herren des Rats, welche die Sache ungefähr so ansahen wie sie anzusehen war, und es dem Stadtrichter Philippides sehr verdachten, dass er nicht Besonnenheit genug gehabt, einen so ungereimten Zwist gleich in der Geburt zu ersticken. Allein unvermerkt änderten sich die Gesinnungen; und der Schwindelgeist, der bereits einen Teil der Bürgerschaft auf die Köpfe gestellt hatte, ergriff endlich auch den größeren Teil der Ratsherren. (…) Verschiedene ergriffen die Partei des Eseltreibers bloß aus Widersprechungsgeist; andre aus einem wirklichen Gefühl dass ihm Unrecht geschehe; und noch andre erklärten sich für den Zahnarzt, weil gewisse Personen, mit denen sie nie Einer Meinung sein wollten, sich für seinen Gegner erklärt hatten. (…)

In dieser Gärung befanden sich die Sachen, als auf einmal die Namen Schatten und Esel in Abdera gehört, und in kurzem durchgängig dazu gebraucht wurden, die beiden Parteien zu bezeichnen.

Man hat über den wahren Ursprung dieser Übernamen keine zuverlässige Nachricht. Vermutlich, weil doch Parteien nicht lange ohne Namen bestehen können, hatten die Anhänger des Zahnarztes Struthion unter dem Pöbel den Anfang gemacht, sich selbst, weil sie für sein Recht an des Esels Schatten stritten, die Schatten, und ihre Gegner, weil sie den Schatten gleichsam zum Esel selbst machen wollten, aus Spott und Verachtung, die Esel zu nennen. (…)

Wie es auch damit zugegangen sein mag, genug, in wenig Tagen war ganz Abdera in diese zwei Parteien geteilt; und so wie sie einen Namen hatten, nahm auch der Eifer auf beiden Seiten so schnell und heftig zu, dass es gar nicht mehr erlaubt war, neutral zu bleiben. Bist du ein Schatten oder ein Esel? war immer die erste Frage, welche die gemeinen Bürger an einander taten, wenn sie sich auf der Straße oder in der Schenke antrafen; und wenn einen Schatten gerade das Unglück traf, an einem solchen Orte der einzige seines gleichen unter einer Anzahl von Eseln zu sein, so blieb ihm, wofern er sich nicht gleich mit der Flucht rettete, nichts übrig, als entweder auf der Stelle zu apostasieren, oder sich mit tüchtigen Stößen zur Tür hinaus werfen zu lassen.

Quelle: Christoph Martin Wieland: Die Geschichte der Abderiten (1774)

Der Prozess um des Esels Schatten und seine Lehren für den heutigen Rechtsstaat

Des juristischen Rätsels Lösung im Schattenstreit ist uns leider vorenthalten worden. Hierzulande wäre uns dieses gleichsam lustlose Versickern des Streits wohl kaum widerfahren. Fortgeschritten, wie wir gegenüber früheren Rechtszuständen sind, und inzwischen überzeugt von der Notwendigkeit eines Kampfes ums Recht, wäre dieser Streit gewiss bis vor die Schmiede des BVerfG gelangt. Das liegt umso näher, als hier zwei Grundrechtspositionen – die des Vermieters und die des Mieters – mit gleich guten Gründen gegeneinander stritten. Dem BVerfG wäre damit erneut erwünschte Gelegenheit gegeben worden, wiederum einen glänzenden Beweis dafür anzutreten, wie notwendig es war und ist, den Mieter des von ihm gemieteten Mietobjekts als dessen Eigentümer i. S. des Art. 14 GG zu erklären. Denn in erbarmungsloser Hitze kann ein Schatten – und sei es nur der eines Esels – von existenzieller und lebenserhaltender, sein Fehlen hingegen von lebensbedrohender Bedeutung sein, wie es ähnlich bei einer Mietwohnung der Fall ist. Vielleicht hätte das BVerfG auch Gelegenheit genommen, seine Lehre von den Pflichten des Gesetzgebers weiter zu entwickeln und diesen zur Regelung solcher Konfliktlagen aufzufordern. Aber auch ohne solche Hilfestellung durch den Gesetzgeber hätte es sich zu ähnlichen amtsrichterlichen Aufschwüngen wie auch sonst in seiner fein ausdifferenzierten Mietrechtsprechung beflügeln lassen können. In freirechtsschöpferischer Gewohnheit hätte es sicherlich das reichhaltige Instrumentarium zu nutzen vermocht, das es sich zur Lösung solch schwieriger Fallgestaltungen geschaffen hat. Zu denken wäre etwa an das Abwägungsgebot. Nur rätseln kann man allerdings darüber, zu wessen Gunsten dieses Gebot hier hätte ausschlagen müssen. Auch der Vermieter in Gestalt des Eseltreibers hätte hitzegestresst ebenso wie der Mieter des Schattens bedürftig sein, mithin Eigenbedarf geltend machen können. Zudem war der Eseltreiber gewiss den sozial Schwächeren zuzurechnen und könnte schon deswegen in der Abwägung ein Prä verdienen; nicht umsonst lässt Dürrenmatt seinen Eseltreiber dem Zahnarzt das böse Wort vom „Ausbeuter" entgegenschleudern, der ihn armen Kerl bis zum Hemd ausplündern wolle. Wie auch immer die Abwägung ausgegangen wäre: Ihr Ergebnis hätte sich schwer prognostizieren lassen. Die Kalkulierbarkeit des Rechts ist heute nicht größer als damals, dafür aber die Fähigkeit, die Grenzen des Rechts einzusehen, offenbar geringer entwickelt als seinerzeit: ein neuer Beleg für die These, dass alle unsere Bemühungen um den Rechtsstaat zu immer größerer Unkalkulierbarkeit seiner Entscheidungen und damit zu mehr Rechtsunsicherheit geführt haben (Redeker)?

Hoffnung darauf, dass uns das BVerfG des Rätsels Lösung bieten werde, haben wir leider nicht. Denn hierzulande scheint die Sonne nicht so ausdauernd, nicht so intensiv und so schattenlos wie im Abdera des alten Griechenland, so dass des Esels Schatten anders als etwa das Reiten im Walde (BVerfGE 80, 137 = NJW 1989, 2525) nicht zum Gegenstand eines Streits wird werden können. Die Geschichte wiederholt sich nicht. Aber Eseleien vergleichbarer Art und Güte sind auch bei uns nicht auszuschließen. Wenn es dem Esel zu wohl wird, geht er halt aufs Eis. So brauchen wir die Hoffnung auf höchstrichterliche Belehrung nicht fahren zu lassen.

Quelle: Horst Sendler: Rechtsstaat vor 200 Jahren und heute: Der Prozeß um des Esels Schatten und seine Lehren, in: Neue Juristische Wochenschrift 1994, S. 2740 ff.

Die Rollen und ihre Darsteller

Struthion, Zahnarzt: Ulrich Engelfried · Anthrax, Eseltreiber: Volker Lindemann · Krobyle, seine Frau: Marion Loets · Philippides, Stadtrichter: Robert Göhring  · Miltias, Assessor: Sabine Happ-Göhring / Kristina Groth · Physignatus, Advokat: Carsten Rinio · Polyphonus, Advokat: Thorsten Schmidt · Peleias, Putzmacherin: Wiebke Gammel · Mastax, Helmschmied: Volker Bruns · Tiphys, Kapitän: Claus Loets · Iris, seine Braut: Claudia Walz · Strobylus, Oberpriester: Bernd Hahnfeld / Claus Loets · Telesia, heilige Jungfrau: Sabine Happ-Göhring / Kristina Groth · Agathyrsus, Erzpriester: Berthold Kämpf / Carsten Rinio · Reporter: Bernd Hahnfeld / Thorsten Schmidt · Vorsitzender des Fremdenverkehrsvereins Ulrich Engelfried · Vorsitzender des Tierschutzvereins: Robert Göhring · Direktor der Marmor AG: Ulrich Engelfried · Agitator der mazedonischen Arbeiterpartei: Robert Göhring · Hypsiboas, Senatspräsident: Ulrich Engelfried · Pfrieme, Zunftmeister: Robert Göhring · Direktor der Thykidides Waffen AG: Ulrich Engelfried · Pamphagus, sein Schreiber: Robert Göhring · Abgesandter der Schattenpartei: Carsten Rinio · Abgesandter der Eselspartei: Thorsten Schmidt · dessen Sohn: Sabine Happ-Göhring / Kristina Groth · Der Esel: Heiner Wegemer · Verkäuferin: Claudia Walz · Verkäufer: Claus Loets · Erster Richter: Heiner Wegemer · Zweiter Richter: Volker Bruns · Dritter Richter: Marion Loets · Erste Frau: Claudia Walz · Zweite Frau: Wiebke Gammel · Pyrops, Feuerwehrhauptmann: Volker Bruns · Polyphem, Feldwebel: Heiner Wegemer · Perseus, Feldwebel: Robert Göhring · Eine Bürgerin: Wiebke Gammel · Ein Bürger: Ulrich Engelfried

Bühnenbild: Frank Schmidt
Kostüme: Sabine Happ-Göhring, Karen-Ann Roschild und alle · Requisite: Volker Lindemann und alle
Maske: Nele Hagel · Plakat: Sabine Hammann · Programmheft: Carsten Rinio

Regie, Bearbeitung und Ton: Karen-Ann Roschild

Aufführungen