Das Stück - Simultantheater

Warum dieses Stück jetzt?

Mit unserem Stück schließt sich ein großer Bogen vom Jahr 1920 bis 1995. Unser Stück beginnt 1930, Paul Levi bereitet das Plädoyer für den Revisionsprozess gegen die Mörder Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs vor. „Damals begann jener schauerliche Zug von Toten, Jahre um Jahre … Der Fall … Liebknecht-Luxemburg, das war der erste Fall, in dem Mörder mordeten und wussten: die Gerichte sprechen uns frei“ sagt Paul Levi in dem Stück von Walter Jens. Wir wissen heute, wie diese Entscheidung endete: 1945 waren Millionen von Menschen auf beispiellos infame, menschenverachtende Weise in Deutschland und Europa umgebracht worden.

Mit Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht sollte eine Idee beseitigt werden. Ideen sind aber nicht durch Morde umzubringen. Menschen, die Ideen hatten/waren/vertraten, sind immer dann unsterblich, wenn diesen Ideen wieder Atem eingehaucht wird, d.h. wenn sie wieder gesprochen und gehört werden - wie heute abend.

50 Jahre sind seit dem Ende des Mordens vergangen. Die Mörder von 1918 haben das bewirkt, was sie zu verhindern beabsichtigt hatten. Liebknecht und Luxemburg sind - wie viele andere - lebendig geblieben, wir 1995er interessieren uns für sie.

Rosa Luxemburg wird durch Walter Jens' Stück für uns zu einer klugen, vitalen großen Schwester. Paul Levi sollte nach dem Willen der Mörder eigentlich das dritte Opfer werden: „Luxemburg-Liebknecht-Levi“ hätte dann in den Geschichtsbüchern gestanden. Das Stück, das Sie heute abend sehen, versucht, Paul Levi ein Denkmal zu setzen; einem Mann, der so viel persönliche Mitte hatte, dass er seine Idee von dem, was für ihn politisch „richtig“ und „falsch“ war, niemals an eine Parteilinie verlor. Er suchte immer wieder die Wirkungsform, in der er seinen Überzeugungen treu bleiben konnte. Paul Levi hatte Einsichten und schaffte, diese in handeln umzusetzen: ein kluger großer Bruder!

Elisabeth Scherf im Programmheft von 1995

Warum die Simultantheaterform?

In unserer monotheistischen Tradition des Entweder-Oder-Denkens pflegen Ideen sich gegenseitig zu erschlagen: wenn das eine stimmt, dann kann das andere nicht mehr stimmen. Wenn Menschen Ideenträger sind, dann heißt dieses Verhalten prinzipiell, dass nur eine Art von Mensch der richtige ist.

Im Simultantheater ist dagegen eine Form gefunden, in der die scheinbar linienförmige Zeit in eine Scheibe verwandelt wird. Zeit wird nicht mehr als Fluss gesehen, sondern als großer See, auf dem mehrere Zeiten nebeneinanderliegen, man muss nur seine Aufmerksamkeit auf sie lenken.

Nach der Theorie, Zeit als Strom zu sehen, ist das Heute ein Punkt, der morgen schon gestern bedeutet. Nach der Theorie, dass die Zeit als ein See vorstellbar ist, sind heute, morgen und gestern simultan anwesend. So kann ein Theaterstück über Levi und Luxemburg nachträglich Levis und Luxemburgs Leben verändern. Sie können Freunde gewinnen, obwohl sie tot sind. Sie wirken in unserem und wir in ihrem Leben.

Sie können in unserem Simultantheaterstück zwei Ideen von demselben Moment in Levis Leben sehen: der Politiker Levi hat die Führung in dem Stück von Walter Jens, der Jurist in dem Stück von mir.

Im Simultantheater ist Toleranz als Form installiert: etwas kann anders und gleichzeitig gleichberechtigt sein, d.h. genauso viel Raum und Zeit einnehmen. Raum und Zeit sind es, was Ideen/Menschen teilen müssen: unter sich aufteilen, aber auch miteinander erleben.

Quelle: Elisabeth Scherf im Programmheft von 1995

Paul Levi

Paul Levi (* 11. März 1883 in Hechingen, Hohenzollersche Lande; † 9. Februar 1930 in Berlin) war ein deutscher Rechtsanwalt und sozialdemokratischer/sozialistischer Politiker. Neben Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht u.a. war er einer der Mitbegründer der KPD und von März 1919 bis 1921 deren Vorsitzender, bevor er aufgrund innerparteilicher Differenzen aus der Partei ausgeschlossen wurde, darauf in die USPD und wenig später wieder in die SPD zurück kehrte.

Paul Levi entstammte einer bürgerlich-liberalen jüdischen Familie aus dem hohenzollerschen Hechingen. Er schloss 1905 sein Jurastudium (Berlin, Heidelberg, Grenoble) mit einer Promotion zum Thema Das Verhältnis von Verwaltungsbeschwerde und Verwaltungsklage ab und ließ sich 1909 als Anwalt in Frankfurt am Main nieder. Im gleichen Jahr trat Levi, der sich seit seiner Gymnasialzeit als Sozialist verstand, der SPD bei. Er rechnete sich dem linken Flügel der Partei zu.

1913 verteidigte Levi Rosa Luxemburg gegen den Vorwurf der „Aufreizung von Soldaten zum Ungehorsam" vor Gericht. 1914 war er kurzzeitig mit Rosa Luxemburg liiert. Während des Ersten Weltkriegs schloss er sich der innerparteilichen revolutionären „Spartakusgruppe“ an, die ab 1917 im Rahmen der USPD die Burgfriedenspolitik der reformistischen Mutterpartei unter Friedrich Ebert bekämpfte.

Zeitung

Levi gehörte mit Luxemburg und Karl Liebknecht zu den Gründern der aus dem Spartakusbund und anderen linksrevolutionären Gruppen am Jahreswechsel 1918/19 konstituierten KPD. Als Nachfolger des am 10. März 1919 ermordeten Leo Jogiches übernahm er deren Vorsitz. Auf dem Heidelberger Parteitag im Oktober 1919 setzte er die Beteiligung der KPD an Wahlen durch. Sein rigider Kurs gegen die Mehrheit der Parteimitglieder führte zur Abspaltung der KAPD und zur Konstituierung des Rätekommunismus. Andererseits ermöglichte er 1920 die Vereinigung mit großen Teilen der USPD zur VKPD. Levi lehnte die so genannte „Offensivstrategie“ ab, die in der Leitung der VKPD im Februar 1921 eine von Komintern-Vertretern unterstützte Mehrheit fand. Er trat Ende Februar vom Vorsitz der VKPD zurück.

In der Broschüre Unser Weg. Wider den Putschismus kritisierte Levi die putschistische Taktik der KPD beim Märzaufstand 1921 öffentlich. Nachdem er diese Kritik an der deutschen und der internationalen Leitung der Kommunisten aufrecht erhielt, wurde er auf Betreiben der Mehrheit der Komintern-Führung um Sinowjew aus der KPD ausgeschlossen. Lenin, Vorsitzender des Rates der Volkskommissare, der Regierung der Sowjetunion, würdigte ihn andererseits gleichzeitig mit den Worten: „Levi hat den Kopf verloren. Er war allerdings der einzige in Deutschland, der einen zu verlieren hatte.“ Levi und andere aus der VKPD Ausgeschlossene und Ausgetretene wie Ernst Däumig schlossen sich zur Kommunistischen Arbeitsgemeinschaft (KAG) zusammen.

In diesem Zusammenhang veröffentlichte Levi auch die bislang unbekannte Schrift Rosa Luxemburgs Die Revolution in Russland, die sie im September und Oktober 1918 im Gefängnis verfasst hatte. Darin stand ihre scharfe Kritik an den Bolschewiki: „Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden.“ In Reaktion auf diese Kritik am Kaderkonzept Lenins wurde Rosa Luxemburg von Stalin später des „Spontaneismus" bezichtigt. Den „Luxemburgismus" denunzierte die KPdSU wie auch später der SED konstant als Abweichung vom Kommunismus.

Über die Rest-USPD, der die KAG im Frühjahr 1922 beitrat, kehrte Levi nach deren teilweiser Vereinigung mit der MSPD 1922 in die SPD zurück. Dort war er eine der wichtigsten Persönlichkeiten des linken und marxistischen Flügels.

Er gab ab 1923 eine eigene Korrespondenz heraus: die Sozialistische Politik und Wirtschaft. Diese ging 1928 in der Zeitschrift Der Klassenkampf auf, deren Redaktion Levi bis zu seinem Tod angehörte. 1924 rief er gemeinsam mit anderen Marxisten die Sozialwissenschaftliche Vereinigung (SWV) ins Leben, einen parteiunabhängigen Verein, dessen Ziel die Diskussion und Weitervermittlung marxistischer Ansätze war. Daraus ging auch die Organisation Rote Kämpfer hervor.

Viele der politischen Freunde Levis schlossen sich 1931 der SAPD an. Levi blieb Mitglied des Reichstages, widmete sich aber besonders der Aufklärung der Morde an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Als brillanter Redner war er bei seinen Gegnern vor Gericht wie im Parlament gefürchtet.

1930 bereitete sich Levi auf einen Revisionsprozess zu einer Beleidigungsklage des ermittelnden Staatsanwaltes im Mordfall Luxemburg und Liebknecht gegen den leitenden Redakteur der Zeitschrift Das Tage-Buch vor. Darin hatte Berthold Jacob einen Artikel unter dem Titel „Kollege Jorns“ veröffentlicht, in dem der Staatsanwalt Jorns der „Verschleppung der Ermittlungen und der Vertuschung der Morde" bezichtigt wurde. In erster Instanz hatte Levi einen Freispruch des angeklagten Journalisten erwirkt und durch Akteneinsicht neue Informationen über die Vertuschung der Morde an Luxemburg und Liebknecht bekommen.

Anfang Februar 1930 erkrankte er an einer fiebrigen Lungenentzündung. Am 9. Februar 1930 stürzte er unter ungeklärten Umständen aus dem Fenster seiner Dachgeschosswohnung am Lützowufer 37 in Berlin und erlag seinen Verletzungen.

Im Reichstag wurde seiner mit einer Gedenkminute gedacht, wozu die Abgeordneten sich erhoben. Die Mitglieder der KPD- und der NSDAP-Fraktion verließen dabei demonstrativ den Saal.

Paul Levi wurde auf dem Wilmersdorfer Waldfriedhof Stahnsdorf beigesetzt. Sein Grab ist ein Ehrengrab des Landes Berlin.

Quellen
Text: Wikipedia
Zeitungsausschnitt: Hessische/Niedersächsische
Allgemeine Zeitung 22.5.1995

Der Autor von "Requiem für Paul Levi": Walter Jens

Foto von Walter Jens

Walter Jens war emeritierter Ordinarius für Rhetorik an der Eberhard Karls Universität Tübingen, Altphilologe, Literaturhistoriker, Schriftsteller, Kritiker und Übersetzer. Er war Präsident des P.E.N.-Zentrums der Bundesrepublik Deutschland und Präsident der Akademie der Künste zu Berlin.

Walter Jens wurde 1923 als Sohn eines Bankdirektors und einer Lehrerin geboren. Nach dem Besuch der Grundschule war er von 1933 bis 1941 Schüler der Hamburger Gelehrtenschule des Johanneums. An diesem humanistischen Gymnasium legt er 1941 das Abitur ab. Von 1941 bis 1945 studierte er Germanistik und Klassische Philologie - zunächst in seiner Heimatstadt Hamburg, ab April 1943 in Freiburg im Breisgau. Zu seinen akademischen Lehrern zählten Bruno Snell und Martin Heidegger. Wegen seines schweren Asthmaleidens blieb er von einem Kriegseinsatz verschont. Während des Dritten Reiches war Jens Mitglied in der Hitlerjugend und im NS-Studentenbund. Seit dem 1. September 1942 wurde er als Mitglied der NSDAP geführt. Darüber hinaus war er seit seiner Jugend vom Fußball begeistert. Er besuchte Spiele des Eimsbütteler TV, eines Hamburger Stadtteilklubs. Später war er Torwart in einer Freiburger Studentenmannschaft.

"Was sollte denn schon aus einem Asthmatiker werden, der ein volles Viertel seiner Schulzeit in Sanatorien zubringen mußte (und es mit Freuden tat: Kindersanatorium Schwester-Frieda-Klimsch-Stiftung, Königsfeld im badischen Schwarzwald – ein Refugium, wo ich geborgen war)? Wie hätte einer bestehen können, der verloren war für die heroische Zeit, weil er Bronchovydrin und Alludrin in hohen Dosen brauchte, um überhaupt existieren zu können – und der zugleich doch seiner Krankheit dankbar war, weil sie ihn vorm Marschieren bewahrte und er zeitlebens nie eine Waffe in die Hand nehmen mußte?" – Walter Jens

1944 wurde Jens an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg bei Karl Büchner mit einer Arbeit über die sophokleische Tragödie promoviert. Das Rigorosum fand im Luftschutzkeller statt. Von 1945 bis 1949 arbeitete er als Wissenschaftlicher Assistent in Hamburg und Tübingen. Sein erster literarischer Text Das weiße Taschentuch erschien 1947 unter dem Pseudonym Walter Freiburger. Jens habilitierte sich 1949 im Alter von 26 Jahren mit der nicht gedruckten Schrift Tacitus und die Freiheit an der Eberhard Karls Universität Tübingen. Ab 1950 gehörte er zur „Gruppe 47“, in diesem Jahr gelang ihm der Durchbruch mit dem Roman Nein. Die Welt der Angeklagten. Ernst Rowohlt hatte ihn bereits 1948 verpflichtet, einen Roman zu schreiben.

"Die Bedingungen waren erfreulich. 300 Reichsmark im Monat, außerdem, das war das Wichtigste, 1000 Blatt holzhaltig-graues Papier. Ich ging an die Arbeit, machte Notizen, skizzierte das Schema der Komposition und schrieb das Buch, im Mai 1949, in ganzen drei Wochen: 16 Seiten pro Nacht, mit Bleistift auf Rowohlts Holzblattpapier; mehr Zeit stand dem Habilitanden Jens nicht zur Verfügung.“ – Walter Jens

Jens protestierte mit diesem Roman gegen ein utopisches Modell totalitärer Macht. Hauptfigur ist Walter Sturm, ein ehemaliger Dozent und Literat, der Kafka mehr als alles andere liebt. Diesem erklärt der oberste Richter und Machthaber des Staates, dass es „auf der ganzen Welt nur Angeklagte und Zeugen und Richter gibt.“ Der Roman entstand unter dem Eindruck des Nationalsozialismus und Stalinismus. Die Kritik zeigte sich begeistert, das Buch wurde von Emil Favre dramatisiert und errang in dieser Fassung den Preis der Amis de la liberté. Seit 1951 ist Walter Jens verheiratet mit Inge, geb. Puttfarcken. Sie haben zwei Söhne, Tilman (* 1954) und Christoph (* 1965).

Als Altphilologe suchte Jens die Bedeutung der antiken Göttermythen und der neutestamentlichen Gottesgeschichte für aktuelle Fragen nach Wahrheit und Frieden durch Übersetzungen griechischer Literatur und der Bibel zu erweisen. 1956 wurde Walter Jens als außerplanmäßiger Professor für Klassische Philologie an die Universität Tübingen berufen. In seiner Erzählung Das Testament des Odysseus deutete er die antike Gestalt um. Odysseus wird zu einem Antihelden, der seinem Enkel Prasidas einen Lebensbericht überliefert. Er ist nicht der tapfere Abenteurer, sondern ein Pazifist, der das Gemetzel verabscheut und den Trojanischen Krieg mit allen Mitteln verhindern will. Doch er scheitert.

"Es war ein Bild des Schreckens, Prasidas. Die Stadt brannte noch immer. Plündernde Trupps durchkämmten die Häuser — drei Tage lang durften sie tun, was sie wollten; auf der Straße lagen Kinder mit offenem Mund, die Bälle, Klötze und Puppen noch im Arm; aus halb zertrümmerten Häusern drangen die Schreie der Verwundeten [...]" – Walter Jens

Mit der Rede „Plädoyer für das Positive in der modernen Literatur“ eröffnete Jens 1961 die Frankfurter Buchmesse. 1962 wurde er ordentliches Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. In dem fiktiven Briefwechsel Herr Meister. Dialog über einen Roman untersuchte Jens die Möglichkeit dichterischer Produktion: Die Protagonisten, ein Literaturwissenschaftler und ein Dichter, erörtern ein scheiterndes Romanprojekt. Von 1963 bis 1988 hatte Jens den bundesweit ersten Lehrstuhl für Allgemeine Rhetorik an der Eberhard Karls Universität Tübingen inne, der eigens für ihn eingerichtet worden war. Er war zugleich Direktor des Seminars für Allgemeine Rhetorik. Nachfolger wurde sein Schüler Gert Ueding.

Unter dem Pseudonym Momos verfasste Jens seit 1963 fast wöchentlich Fernsehkritiken für die Wochenzeitung Die Zeit. Seit 1965 ist er Mitglied der Freien Akademie der Künste Hamburg. In der Gruppe 47 avancierte er zum gefürchteten Kritiker bei den Vorlesungen. Martin Walser beschrieb 1966 in seinem Brief an einen ganz jungen Autor satirisch seinen Umgang mit den Texten:

"[...] vor allem aber wird er Dein Vorgelesenes immer wieder in die Luft werfen und wird das Vorgelesene in der Luft verfolgen lassen von einem Geschwader heftig dröhnender Substantive, die im Verbandsflug geschult sind [...] Erstaunt also und ergriffen wirst Du zusehen, das weiß ich jetzt schon, wenn er in stürmischer Genauigkeit mit Dir umgeht; an Kinski oder Demosthenes wirst Du denken [...]" – Martin Walser

1971 wurde Jens in den Gründungssenat der Universität Bremen berufen. Er verstand sich als „Literat und Protestant“. Präsident des P.E.N.-Zentrums der Bundesrepublik Deutschland war er von 1976 bis 1982 und nochmals nach dem Tod Martin Gregor-Dellins von 1988 bis 1989. Von 1989 bis 1997 war er Präsident der Akademie der Künste zu Berlin, ihm gelang die problematische Vereinigung mit der Ostakademie. Er ist deren Ehrenpräsident. Von 1990 bis 1995 war er außerdem Vorsitzender der Martin-Niemöller-Stiftung.

In seinem letzten Roman Der Fall Judas behandelte Jens 1975 einen fiktiven Seligsprechungsprozess für Judas Ischariot in der Form einer forensischen Fallstudie: „Ohne Judas kein Kreuz, ohne das Kreuz keine Erfüllung des Heilsplans. Keine Kirche ohne diesen Mann; keine Überlieferung ohne den Überlieferer.“ Er übersetzte Teile des Neuen Testaments: die vier Evangelien, den Brief des Paulus an die Römer und die Offenbarung des Johannes. Mit Hans Küng verbindet ihn eine langjährige Freundschaft. Er engagierte sich ab Anfang der 1980er Jahre im Widerstand der Friedensbewegung gegen den NATO-Doppelbeschluss und die Stationierung von Pershing-Raketen. Gemeinsam mit Heinrich Böll und anderen bundesweit bekannten Schriftstellern und Theologen beteiligte er sich Anfang September 1983 an der „Prominentenblockade“ vor dem Pershing-Depot in Mutlangen. Er versteckte während des zweiten Golfkriegs 1990 in seinem Haus desertierte US-Soldaten. Jens ist Mitglied im Beirat der Humanistischen Union. Zwischen Januar 1989 und April 2001 war er Mitherausgeber der politisch-wissenschaftlichen Monatszeitschrift Blätter für deutsche und internationale Politik. Seit 2004 leidet er an Demenz.

"Wäre es denn wirklich ein Gewinn ..., ein Gewinn für den Menschen, wenn er unsterblich wäre, statt — wie bald! — zu vergehen und plötzlich dahinzumüssen? Wäre es ein Gewinn für ihn: nicht in der Zeit zu sein, sondern unvergänglich wie – vielleicht – ein Stein oder ein ferner Stern? Liegt nicht gerade in der Vergänglichkeit, und vor allem, im Wissen darum, seine ihn auszeichnende unvergleichliche Kraft?" – Walter Jens

Walter Jens starb am 9.6.2013 in Tübingen

Quellen
Text: Wikipedia
Foto von Walter Jens: Heinz Hammer

Die Autorin von "Levi ins Exil": Elisabeth Scherf

Der Jorns-Prozess

Es ging im Jorns-Prozess darum, den Doppelmord an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht aufzuklären, der nach fast zehn Jahren unaufgeklärt war. (Die angeklagten Freikorpsoffiziere, die die tödlichen Schüsse abgegeben hatten, waren freigesprochen worden bis auf einen, der 2 Jahre 2 Monate Gefängnis „wegen Wachtvergehens“ erhalten hatte und zwei Tage nach Urteilsverkündung mit einem falschen Pass geflohen war, und bis auf einen Mann aus der Truppe, der als ihr Werkzeug die Kolbenschläge vor den Schüssen geführt und dafür mit 2 Jahren Gefängnis bestraft worden war.) Die KPD hatte nicht versucht, diesen Mord an ihren gefallenen Führern wieder aufzurollen, die SPD, deren Noske die Freikorps bewaffnet hatte, gewiss nicht - jetzt tat es ein Mann, der zur Zeit des Mordes Kommunist gewesen und nun ein kaltgestellter sozialdemokratischer Abgeordneter war, mit Hilfe einer linksbürgerlichen Zeitschrift. Bevor die zehnjährige Verjährungsfrist für die Morde ablief, hatte die Zeitschrift Das Tagebuch einen „Kollege Jorns“ überschriebenen Aufsatz veröffentlicht. Der Aufsatz erschien anonym, so aufgemacht, als stamme er von einem Richterkollegen von Jorns; in Wirklichkeit stammte er aus der Feder von Berthold Jacob, der die Tätigkeit von Jorns als Reichsanwalt im Fall Küster/Jacob am eigenen Leibe erfahren hatte. Der Aufsatz fasste die Fakten über die Ermittlung im Liebknecht-Luxemburg-Prozess zusammen, soweit sie damals bekannt waren und sagte, dass Jorns als Untersuchungsrichter und als Ankläger des Feldkriegsgerichts - denn die junge Republik hatte nicht nur das alte Militär, sie hatte auch die alte Militärjustiz wieder eingesetzt - statt die dunklen Vorgänge aufzuklären, an ihrer Vertuschung mitgewirkt habe. Er schloss mit den Worten: „Wie solche Erscheinung am obersten deutschen Gericht als Reichsanwalt fungieren kann, ist unverständlich.“

Den Strafantrag wegen dieses Aufsatzes stellte der Jorns vorgesetzte Oberreichsanwalt, Jorns selbst fungierte als Nebenkläger. „Vielleicht hatte er sich zwischen zwei Landesverratsverfahren in Leipzig die Sache so vorgestellt, er werde in Moabit nur den Finger zum Schwur heben müssen, dass er damals vor zehn Jahren, als ihm die Mörder entliefen, alles nach bestem Wissen und Gewissen getan“, schrieb der Mann, gegen den Klage erhoben wurde, Josef Bornstein, der verantwortliche Redakteur des „Tagebuch“, der den Namen des Verfassers des Aufsatzes „Kollege Jorns“ nicht preisgegeben hatte, vor der Urteilsverkündung. Levi hat leidenschaftlich auf diesen Prozess gewartet; er hat ihn leidenschaftlich vorbereitet, hat ihn leidenschaftlich geführt.

Als Verteidiger des Angeklagten Bornstein hatte er Zugang zu den Akten des Mordprozesses, die seit fast zehn Jahren in der Moabiter Gerichtsschreiberei ruhten, 11 Bände, rund 4000 Seiten. Er arbeitete drei Wochen lang verbissen an den Akten, häufte Indiz auf Indiz, bevor er dem Reichsanwalt Paul Jorns öffentlich gegenübertrat. Einem der höchsten Justizbeamten der Weimarer Republik, der in einem Mordfall das Recht gebeugt hatte und der eine symbolische Figur für zehn Jahre republikmordender Justiz war; ein Einzelner mit individueller Schuld und ein Typ für das Zeitgeschehen, in dieser Doppelrolle wollte Paul Levi ihn auf der Tribüne eines Gerichtssaals exponieren.

Nun standen sie sich in diesem Gebäude gegenüber, Vertreter zweier Welten: der hohe Beamte im Gehrock, mit korrektem Scheitel und zuvorkommendem Lächeln, der sich bis zum letzten Tage als Entschuldigung für Mordtaten auf die militärische Kameraderie berief. Und Paul Levi, entschlossen, aus dem Kläger den Angeklagten, aus dem Verteidiger den Ankläger zu machen.

Quelle: Charlotte Beradt: Paul Levi (1969), S. 119 ff.

Das Plädoyer Paul Levis, das von Carl von Ossietzky als die mächtigste deutsche Rede nach Ferdinand Lassalles bezeichnet wurde und mit dem Levi in erster Instanz einen Freispruch seines Mandanten, des Angeklagten Bornstein erreichte (letztlich wurde Bornstein nach Berufung, Revision und Zurückverweisung am 30.01.1931 durch das Landgericht Berlin zu 500 Mark Geldstrafe verurteilt), schließt mit den folgenden, berühmt gewordenen Worten:

"Die schreckliche Tat, die damals begangen worden ist, ist keinem gut bekommen. Der Hauptmann v. Pflugk-Harttung oder der Bruder - ich weiß nicht, welcher - zerrissen von einer Handgranate, die er anderen zugedacht hatte. Der Leutnant Liepmann in jungen Jahren ein siecher Krüppel. Der Jäger Runge, ein elender Mann, gemieden und verstoßen von seinen Arbeitskollegen. Andere flüchtig, wer weiß wohin, alle gezwungen, ihr Antlitz vor den Menschen zu verbergen. Nur einer stieg hoch, der Kriegsgerichtsrat Jorns, und ich glaube, er hat in den zehn Jahren vergessen, woher seine Robe die rote Farbe trägt.

Meine Herren, hier glaube ich, hier treten diese Mauern und tritt diese Decke zurück. Hier ist ein Tag des Gerichts gekommen! Die toten Buchstaben, benutzt zu dem Zwecke, Schuldige zu schützen, und die vermoderten Knochen der Opfer: sie stehen auf und klagen an den Ankläger von damals.

Sie, Herr Vorsitzender, haben zu Anfang dieses Prozesses gefragt: warum das alles nach zehn Jahren? Und hier, meine Herren, sage ich: Jawohl, dieser Prozess ist eine sittliche, eine staatliche Notwendigkeit und eine Notwendigkeit für die Justiz. Meine Herren, der Fall Jorns und Liebknecht-Luxemburg, das war das Proton Pseudos, das war der erste Fall, in dem Mörder mordeten und wussten, die Gerichte versagen. Da begann jener schauerliche Zug von Toten, fortgesetzt im März 1919 schon und ging weiter die ganzen Jahre und Jahre, Gemordete und gemordete; denn von Fall Liebknecht-Luxemburg und vom Kriegsgericht der Gardekavallerie-Schützendivision und vom Kriegsgerichtsrat Jorns her wusste man, dass Morden noch lange nicht identisch ist mit Bestraftwerden.

Und nun frage ich weiter, hat das aktuelle Bedeutung? Ist es nicht die schrecklichste Erschütterung unseres ganzen staatlichen Systems und unseres letzten Gefühls für Gerechtigkeit gewesen, was in diesen Jahren geschah? und ich sage, meine Herren, wenn es in diesen traurigen Jahren ein Verdienst gibt, so ist es ein Verdienst der preußischen Justizverwaltung und das Verdienst auch preußischer Richter, dass sie endlich den Glauben wieder erweckt haben, wer mordet, wird vor Gericht gestellt, mag er es tun in welchem Sinne auch immer er diese Tat getan hat.

Und hier, meine Herren, glaube ich, sind Sie an dem Punkt, der von entscheidender Bedeutung ist. Sie, meine Herren, sollen sagen, ob der Reichsanwalt Jorns die Qualifikation für sein hohes Amt hat. Meine Herren, nach dem, was hier geschah in diesem Verfahren, wenn Sie da schrieben: Ja, der Mann, der diese Untersuchung führte, er ist dazu berufen, ein höchstes Amt in der deutschen Justiz zu versehen, - ein solcher Spruch, unterschrieben von Richtern mit dem Siegel der Justiz, wäre die letzte Zerstörung des Glaubens an die Gerechtigkeit.

Hier treffen die Interessen von Ihnen allen zusammen, der Herren Laienrichter und der Herren beamteten Richter. Die Herren Laienrichter, die hier in ihren Spruch hineinzugeben haben das, was das Volksgefühl und das gesunde Volksempfinden erheischt, und die Herren beamteten Richter, die zu geben haben das, was der kühle Verstand, die rechtliche, gesetzliche Notwendigkeit verlangt, Sie alle mit Ihren höchsten, lebendigsten Interessen können sich nur zusammenfinden in einem Wort: Der Mann, der das Verfahren Liebknecht-Luxemburg führte so, wie er es führte, ist nicht wert, an hoher Stelle in der deutschen Justiz zu sein! In dem Sinne bitte ich Sie, Ihr Urteil zu sprechen und freizusprechen. Es wird eine Tat des Segens für uns alle sein."

Quelle: Der Jorns-Prozess. Rede des Verteidigers Dr. Paul Levi - Berlin nebst Einleitung (1929), S. 54 f.

Die Rollen und ihre Darsteller

im Stück von Walter Jens:

Paul Levi: Volker Lindemann · Mathilde Jacob: Konstanze Görres-Ohde · Rosa Luxemburg: Ulla Gerhardt-Plewig · Radek: Heiner Wegemer · Käthe Kollwitz: Marion Loets · Albert Einstein: Bernd Hahnfeld · Jacob Levi (Vater): Reiner Plorin · Soldat Runge: Ekkehardt Schweppe-Sponholz · Hauptmann Pabst: Claus Loets · Hauptmann Röhm: Claus Loets · Reichsanwalt Jorns: John Gelübcke · General Ritter von Epp: Manfred Krause

im Stück von Elisabeth Scherf:

Paul Levi: Hans-Erich Jürgens · Albert Einstein: Gerold Möller · Physikerin: Sabine Schmidt ·  Steward: Monika Rolf-Schoderer · Sängerin: Marion Raben · Pianistin: Konstanze Görres-Ohde

Maske: Elke Hansen, Isabel Altmayer · Kostüme: Inge Dahncke, Helga Rickleffs-Heinzel · Beleuchtung: Anne Lindemann · Souffleuse: Sabine Schmidt

Regie und Bühnenbild: Elisabeth Scherf

Aufführungen

 

Presse

Die Welt 30.1.1995

 

Eppendorfer Wochenblatt, Nr. 4 / 25.1.1995
Seiten 1 (oben) und 11 (unten)